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Eine Welt aus Abbildern, Runen, Zahlen und Werten

Bilder vertraten als wirkmächtige Abbilder (icons) das Objekt selbst und dienten so religiöser Verehrung ebenso wie magischen Praktiken. Diese einfachen Abbilder wandelten sich zu abstrakten Symbolen, zu Buchstaben, Runen usw., ohne den ursprünglichen Sinn zu verlieren.

So begriff man Runen – und das gilt auch für andere Schriftzeichen ebenso wie für Zahlen – als Symbole in welche die Welt gebannt war und mit denen man folglich auch die Welt bannen konnte. Während andere Schriften sich allmählich zum Kommunikationsmittel wandelten, haben die Runen lange ihr archaisches Wesen bewahrt. Für die Runen gilt das gleiche, was H. P. Aleff (Board Game The Phaistos Disk) über die Hieroglyphen sagt: ”[They] were "the gods’ words" and had supernatural powers. They did not merely convey the word sound or picture of the object or idea represented, but the Egyptians believed that each hieroglyph contained the essence of the object or idea depicted and was identical with it, or at least equally effective in the realm of magic to which these powerful signs belonged." Und genau das sahen die germanischen Völker in den Runen, die sie ja von Wotan/Odin über dessen Selbstopferung erlangt hatten.

Dem gleichen Zweck dienten auch Zahlen und Werte. In vielen, wenn nicht allen Kulturen hatte die 3 zentrale Bedeutung, und damit auch alle Summen, Produkte etc., die auf 3 basieren. Daneben aber hatten auch die anderen Zahlen, besonders die 8, ihre eigene Qualität. In Bezug auf die Runen scheinen die Zahlen der 24er Reihe (fuþark) die Qualität der Rune anzunehmen, an deren Stelle sie stehen. Die Rune ist die Zahl, so wie die Zahl die Rune beinhaltet. Nicht zuletzt basieren die geheimen Zweig- oder Baumrunen auf dieser Vorstellung.

Wenn das gemeingermanische fuþark 24 Zeichen umfaßt, dann ist das nicht die notwendige Anzahl von Lauten, um eine Mitteilung zu schreiben, sondern das geeignete Instrument, um die Welt auf der Basis 3 zu beschreiben. Addiert man die Werte der Runen, also die Zahlen von 1 bis 24 (1 + 2 + 3 + 4 ...+ 24), dann erhält man 300. Wirksamer als ein fuþark (24 Zeichen) sind natürlich drei Runenreihen (72 Zeichen) mit dem Wert 900. Ebenso verhält es sich mit 9 als dem Produkt von 3x3 und 27 als dem Produkt von 3x3x3 sowie 8 als dem Produkt von 3x2 oder 2x2x2. Die Anzahl der Runen im anglofriesischen fuþorc änderte sich zwar, nicht aber die numerische Praxis.

Um ein einfaches Beispiel zu geben: Die magische Formel a-Runel-Runeu-Rune ‚alu’, die mit ‚Bier’ (vgl. engl. ‚ale’) übersetzt werden kann, setzt sich aus drei Runen zusammen. Deren Wert im älteren fuþark (4+21+2) beträgt 27, was als 3 x 3 x 3 zu verstehen ist1, wobei die Objekte, welche die Runen repräsentieren (ansuz, Ase; laukr, Lauch; und ur), Ur, Aurochse ihre eigene Wirkkraft haben. Wenn sich dieser Begriff trotz Lautwandels unverändert im anglofriesischen Raum wiederfindet, so zeigt dies, daß sie sich zur Formel entwickelt hat. So findet sie sich auf einer Urne von Spong Hill. Aber neben den drei Runen als magische Objekte, Anzahl und Wert, gibt es noch das wirksame Bild, so wie wir es auf gotländischen Bildsteinen, auf Amuletten und schließlich auf dem Franks Casket finden: das Abbild der alu-bringenden Walküre. Hier dienen also Bild und Runen mit Zahl und Wert dazu, dem Krieger einen Platz unter Walhallas Helden zu sichern.

All diese Elemente verbindet das Kästchen in höchster Vollendung. Dies nun sind die drei Ebenen, auf denen das Casket zu betrachten ist:

1.Der ikonographische Aspekt:

Das Bildprogramm beginnt auf dem Magierbild mit dem Topos „Geburt“ in Gegenwart der „fylgja“, der Walküre in ihrer Vogelgestalt. Es setzt sich auf dem linken Bild fort mit dem Beistand der Walküre (Wielandbild: x-Rune Frau x-Rune), beschwört auf dem linken Bild die göttliche Hilfe auf dem Weg in den Krieg (Romulusbild), und beendet die Aspekte des Lebens mit dem Höhepunkt: Sieg und Gerechtigkeit, die Tugenden des Königs (Titusbild). Nach diesen 3 Platten, die das Leben eines Edelings (König oder Familie) lenken sollen, folgt schließlich die rechte Kästchenseite. Die dahinter zu vermutende Sage beschreibt, wie eine Waldgottheit (nun wirklich die „Walküre“) ihrem Erwählten das angemessene Ende bereitet. (Herh os), Wald-Gottheit. Eine letzte Szene (Deckelbild) zeigt einen Helden Ægili, der mit der Hilfe seiner Walküre Walhalla gegen die Reifriesen verteidigt. Wodens Halle ist durch die Tiersymbole gekennzeichnet: „Leicht erkennen können, die zu Odin kommen, den Saal, wo sie ihn sehen: Ein Wolf hängt vor dem westlichen Tor, über ihm droht der Adler.“ Grimnir-Lied 17.

2.Der runische Aspekt:

Die Inschriften auf allen vier Seiten setzen auf der oberen Leiste, linke Ecke, mit der Rune ein, die thematisch dem Motiv entspricht. Da die Vorderseite mit zwei Bildern zwei Motive darstellt, findet sich die Rune zum Motiv des rechten Bildes in der rechten oberen Ecke.

f-Rune, die Rune F steht für feoh (Vieh, Reichtum) und bezieht sich damit auf Wieland, die sprichwörtliche Quelle für Reichtum, während

g-Rune, die Rune G für gifu (engl. gift; Gabe) steht, genau für das, was man sich von den Magiern erhofft. Aus „feoh“ und „gift“ setzt sich „feohgift“ zusammen, und das ist die Bezeichnung für jene Gaben, die der König in der Halle austeilt. Das Kästchen war – das dürfte damit sicher sein – die Gabenkiste eines Königs (Edwin?), aus der heraus er seine Gefolgsleute mit goldenen Ringen usw. bedachte.

r-Rune,die Rune R, ae. rad, "Ritt" auf der linken Seite soll den Schutz auf dem Ausritt zum Krieg bewirken. Dafür stehen die römischen Zwillinge mit den entsprechenden Namen. Als Söhne des Mars sind sie Wodens Artverwandte. Die r-Rune steht in Wechselwirkung mit x-Rune, der Rune der Walküre. Der Runenwert von r-Rune ist 5 (Position in der Runenreihe), während der Wert der Rune x-Rune 3 x 5 beträgt, sie also - nicht zufällig - an 15. Stelle in der Runenreihe steht.

t-Rune, die Rune T, bestimmt auf der Rückseite das Geschehen. Sie steht für Tyr, den Gott des Sieges und der Gerechtigkeit, also für das hier Dargestellte, eine Sieges- und eine Gerichtsszene. Mit diesem Höhepunkt enden die drei „glück-wünschenden“ Platten.

h-Rune, die Rune H - rechte Seite - hat schadenstifdende Funktion. Sie nennt die todbringende Walküre, Herh-os, und macht über alliterierende Vers die Rune (hagal, dt. Hagel) im Sinne von „Unglück, Verderben“ zum Thema. Der nächste Vers wendet über die apotropäischen (schadenabwehrende) Runen 'a' a-Rune und 'e' e-Rune ('Eiche' und 'Pferd', beide im Bild) das Unheil ab, während 's' s-Rune (Licht, Leben), die alliterierende Rune des 3. Verses, das Schicksal, wyrd, zum besseren wendet.

A-Rune, die Rune für den Umlaut 'Æ' bestimmt das Bild auf dem Deckel, der außer dem Namen Ægil keine weitere Inschrift getragen haben wird. Ihr Name Æsc,Esche, paßt gut zum Bild, nicht allein weil Eschenholz gerne für Pfeil und Bogen genommen wurde, sondern weil der betreffende Vers des ae. Runenliedes der Darstellung entspricht: „Die Esche ... verteidigt ihren Platz unerschrocken, auch wenn sie von vielen Männern angegriffen wird.“ Der Bogenschütze sollte wohl zum einen den Dieb vom Griff in die Kasse abschrecken, zum anderen durch sein Motiv den Besitzer als Kämpfer nach Walhall empfehlen. Schließlich widersteht er, die Esche, jedem Angriff.

F f-Rune, G g-Rune, R r-Rune, T t-Rune, S s-Rune und Æ A-Rune sind die 6 wyrd-bestimmenden Runen. Ihr Wert ist 72. Zufall oder nicht.

3.Der numerische Aspekt:

Alle Runen und „Punkte“ zusammen ergeben 288 Zeichen. Das ist 12 x 24 und ergibt nach Anzahl, wenn je 24 Zeichen den Wert 300 haben, den Runenwert 3600. Das entspricht 10 mal den 360 Tagen des Sonnenjahres. Errechnet man den Wert der Runen nach ihrer Stellung in der Runenreihe, dann kommt man auf 3572 (oder 3567). Das entspricht 10 mal den etwa 357 Tagen des Mondjahrs. Für einen Ausgleich zum tropischen Jahr sorgt die lat. Formel auf der T-Platte.

Die Vorderseite trägt 72 Zeichen (68 Runen und 4 Punkte); diese haben einen genau kalkulierten Runenwert von 720. Dieser geteilt durch den Wert der alliterierenden Runen 720: 8 ergibt 90, ein Wert der als 3 x 3 x 10 verstanden werden will.

Die linke Seite zählt ebenfalls 72 Zeichen, jedoch mit anderem Wert, dessen Bedeutung erst im Kontext mit dem Rest sinnvoll ist.

Die Rückseite trägt 48 Runen, wovon sechs (neben zwei Majuskeln) im lateinischen Textteil mit sonst röm. Buchstaben
stehen. Diese lat. Formel hat ihre besondere Funktion im Abgleich der Kalender. Der Wert der Themarune t-Rune ist 17, ein Wert, der den Text beherrscht.

f-Rune g-Rune r-Rune t-Rune sind die Themenrunen der 3 glück-wünschenden Platten. Ihr Wert ist 30 (3 x 10). Ihnen geht jeweils auf der linken Leiste ein Spruch (charm, spell) aus 9 Runen voran, also 27 Runen mit dem Runenwert von insgesamt 330.

Auf der apotropäischen rechten Seite geht den lebensspendenden s-Runen s-Rune auf der rechten Kante ein Spruch voraus, der 9 Runen zählt und den Wert 110 hat. Der ganze Text setzt sich aus 74 Runen zusammen, die sich erst mit der Anzahl aller in die Bilder eingefügten Runen zu 96 (4 x 24) ergänzen.

Da der Schnitzer auf solche Resultate abzielte – sowohl nach Runenzahl als auch nach Wert und ihrer Stellung im Text – hat er Grammatik und Orthographie diesem Ziel untergeordnet, wodurch sich absurde Wortformen (z.B. giuþeasu, fugiant, affitatores, end statt and) etc. erklären.

Was bedeutet das in Hinblick auf die kryptischen Vokalrunen der Herh-os Platte?

Wenn das Kästchen wirklich eine Schatzkiste war, die das Schicksal (way of wyrd) ihres Besitzers beeinflussen sollte, dann ist es verständlich, daß diese Seite, die den Tod bestimmt, nicht vor der Schicksalsstunde wirksam wird. Das aber könnte eintreten, wenn jemand den Spruch (spell) lesen und sprechen könnte. Eine Erschwernis stellte die kopfstehende Inschrift auf der unteren Leiste dar, doch macht das die Lesung nicht unmöglich. Um die nun zu verhindern, ersinnt der Runenmeister eine Art Kryptographie. Dafür konnte er auf eine Methode zugreifen, die schon die Römer praktizierten und die auch Beda Venerabilis nutzte; es war das Mittel, die Vokale durch andere Zeichen zu ersetzen.

Von den 29 Vokalzeichen ersetzt er 27 durch solche Symbole. Um auf diese wirksame Zahl zu kommen, beläßt er zwei Vokale in ihrer runischen Form. Ihr Ort ist die von der S-Rune s-Rune bestimmte dritte Langzeile, die durch das Zeichen s-Rune das Geschick positiv bestimmen soll. Dabei beläßt er – Zufall oder nicht – jene beiden Vokale (a-Rune und e-Rune, a = Eiche und e = Pferd) in runischer Form. Sie tragen in der zweiten Langzeile den Stab und sollen mit ihrer apotropäischen Qualität das Unglück h-Rune abwenden. Ihnen entsprechen die (Eichen-)Bäume und das Pferd im mittleren Bild.

Die Deutung der kryptischen Runen ist nicht vollends gesichert, zumal man die Zeichen für a a-Rune und Æ A-Rune austauschen kann, wobei beide Lesungen gleichermaßen problematisch sind. Problematische Schreibungen werden gerne einer mangelhaften orthographischen Kompetenz des Schreibers oder irgendeinem nordhumbrischen Dialekt zugeschrieben, - ein unschlagbares Argument, dem unsere heutigen Runologen tiefsten Respekt zollen.

Da nun Grammatik und Orthographie sich keinen Regeln fügen, sondern durch numerische Spekulationen des Runenmeisters bestimmt sind, müssen wir die Inschrift aus eben dieser Absicht heraus deuten. Auf die kryptischen Runen bezogen nimmt sich das im einzelnen so aus:

Die i-Rune i-Rune erscheint 6 mal in 5 verschiedenen Formen, die alle als Nebenformen der s-Rune s-Rune anderswo belegt sind. Die i-Rune, i-Rune, ( is, Eis) ist mit ‚Tod’ verbunden, die s-Rune, s-Rune, (sigel, Sonne) mit dem Bereich ‚Licht, Leben’. Ob nun jede der fünf Runenformen eigenständige Bedeutung eine numerologische Qualität hat, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Nur soviel scheint sicher: Der Runenmeister wendet ein Unheilszeichen zum Heilszeichen, wobei jedes seinen Sinn trägt.

Ähnliches mag für den Vokal e gelten, der ebenfalls 6 mal erscheint, einmal in seiner regulären Form e-Rune, 5 mal als Geheimzeichen. Hier werden Symbole verwendet, die einer gespiegelten n-Rune, n-Rune, entsprechen. Ihre Bedeutung nyd, ‚Not’ wird damit ins Gegenteil verkehrt.

Die Runen für a (a-Rune, ac, Eiche) und æ (A-Rune, æsc, Esche) haben keine unheilschwangere Bedeutung. Beide Zeichen erscheinen je 6-mal, wenn man der herkömmlichen Lesart folgt. Die Symbole mit denen sie ersetzt werden, ähneln Nebenformen der c-Rune (c-Rune, cen, Fackel). Sie erhellt die Halle der Edelinge, bringt fahles Licht in das Dunkel. Die o-Rune (o-Rune, ae.os, Ase) steht an 4. Stelle im fuþork und erscheint 4 mal in ihrer Sonderform, die einer gespiegelten h-Rune h-Rune, ae.hagal, Hagel) ähnelt. Auch hier würde sie das Unheil der h-Rune, die ebenfalls 4 mal in diesem Text auftritt, in das Gegenteil wenden.

Der Vokal u, u-Rune, tritt an keiner Stelle auf, es sei denn man lese ‚særdun’ statt ‚særden’. Weshalb oder ob der Runenmeister diesen Vokal gemieden hat, läßt sich ebenso wenig beantworten wie die Frage, ob der Zauber geholfen hat.

Die Antwort könnte in Walhalls Archiven niedergeschrieben sein, natürlich in Runen!

1 Der Runenwert 27 der Formel "alu" hat eine Parallele bei den Pythagoraeern, die die Zahl 3 als die erste "wirkliche" und "faßbare" Zahl beschrieben, weil die 1 nur einem Punkt entspricht und die 2 einer geraden Linie zwischen 2 Punkten , während das aus 3 Punkten entstehende Dreieck die erste greifbare ebene Figur bildet. 1 galt nicht als Zahl, 2 und alle geraden Zahlen waren weiblich, und so war 3 die erste männliche Zahl, und als die Kubikzahl von 3 wurde 27 besonders verehrt; denn die 3. Potenz schafft das Volumen und den Raum ohne die ja kein Objekt oder Wesen bestehen koennte. So zumindest berichtet Vincent Foster Hopper in "Medieval Number Symbolism" (1938, Neuauflage: New York, 2000), S. 35 u. 45. (Hinweis von H.P. Aleff)

 

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Quelle: https://www.franks-casket.de Page Top Page Top © 2023 email
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